"Brasil Pur" das "Duo Rio" Konzert Peter Fessler – Danny Gottlieb

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(köln- werner matrisch)“DUO RIO“ Konzert von Peter Fessler & Danny Gottlieb im Altem Pfandhaus vom 23. Mai 2008

Saudade-Samba-Bossa-Nova & Fessler = Brasil Pur

Er sitzt auf der untersten Stufe der Sitzreihen im Konzertsaal des Alten Pfandhauses. Beinahe kauernd und vorgebeugt. Er hält die Gitarre im Arm, nein, fast umarmt er sie wie seinen kostbarsten Besitz. Er wird diese bescheiden wirkende Körperhaltung im Verlaufe des Konzertes kaum ändern. Dafür kann man mehr aus seinem Gesicht lesen: Fessler singt häufig mit geschlossenen Augen und die ausgeprägte Mimik verdeutlicht seine emotionale Beteiligung. Seine Stimme, dunkler und voller als sie auf CD klingt, ist gleichmäßig im ganzen Raum verteilt. Ich weiß nicht, ob es sich um ein außergewöhnliches „Supermikrophon“ handelte, oder ob der Tontechniker ein Zauberer war, oder ob der Konzertsaal des Alten Pfandhauses an diesem Abend seine fabelhafte Akustik besonders herausstellen wollte – das Publikum befand sich im Kokon eines omnipräsenten Fessler-Stimmensounds, und war über zwei Stunden davon wie gefesselt…….

Beitragend zum Musikgenuss war das fantastische Zusammenspiel mit Drummer Danny Gottlieb. Die sensible Begleitung des Musikers, der auch als Mitglied der Pat Metheny Group bekannt wurde, lies häufig nur leichte Beckenschläge und den Besen hören. Parallel zur Gesangssteigerung Fessler“™s, bewies auch Gottlieb dann die souveräne Beherrschung der ganzen Palette des Schlagzeugs.

Bis zur Pause bestritten Fessler und Gottlieb allein das Konzert, welches ausschließlich der brasilianischen Musik gewidmet war. Es genügten bereits ein paar Töne vom ersten Brasil-Klassiker „Gentle Rain“, um zu hören und zu verstehen, wie sehr Peter Fessler in dieser Musik mittlerweile “ zuhause“ ist. Er singt englisch und portugiesisch und seine Gitarrenbegleitung klingt so, als wäre sie eine zweite Stimme von ihm.

Seine Gesangsstimme weißt ein geradezu kolossales Klangspektrum auf: nicht nur wegen der Beherrschung von 4 Oktaven, sondern wegen der Variationsvielfalt und der Risikobereitschaft, keine noch so verstiegene Improvisation zurückzuhalten. Auch kann er mit beachtlichem Volumen beeindrucken, indem er Noten leise beginnt und sie über viele Sekunden anhaltend bis zum absoluten Fortissimo steigert. Man denkt an große Wellen, die zum Ufer treiben, grollend und lauter werdend, bis sie sich schließlich brechen.

Traumhafte Songs der nun bereits fünfzig Jahre währenden Bossa-Nova-Ära, waren zu hören. Sie alle sind Klassiker des „Brasil Songbooks“ geworden. Wunderschön gelang Fessler der berühmte Song „Manha de Carneval“ aus dem Film „Orfeo Negro“ ( Oscar 1960) Neben diesen bekannten Songs sang Fessler aber auch mehrere Eigenkompositionen, die sich völlig homogen unter die Stücke seiner verehrten Künstler – Louis Bonfa, Antonius Carlos Jobim, Ivan Guimaraes Lins oder Baden Powell – mischten.

So wie Peter Fessler mit den speziellen, brasilianischen Rhythmen und Synkopen umgeht, scheint er alle Eigenarten dieser Musik gefühlsmäßig assimiliert zu haben, aber auch sein Timing ist perfekt. Das zeigt sich natürlich besonders bei stark rhythmischen Songs, in denen er unwiderstehlich mit diesen sehr samtenen-weichen Scatvocalismen glänzt, die typisch für brasilianische Sänger wie Jobim oder Andere sind. Ein Scat, der völlig anders klingt als der dynamisch-harte des anglo-amerikanischen Jazzbereichs. Frappierend beherrscht er auch den Umgang mit seiner Kopfstimme in allen erdenklichen Nuancen. Fessler geht, ebenso wie Al Jarreau im Gesang über Grenzen hinweg, probiert alles aus, simuliert bisweilen auch die verschiedensten Musikinstrumente, wie „gestopfte Trompete“ u.v.a. Wunderschön kann er einen Song mit den Geräuschen von Wind und Meeresrauschen ausklingen lassen. Sicher, die Soundverstärkung durch das Mikro macht es erst möglich, aber man muss auch wissen wie es geht – allein das Mikro kann es nicht.
Fessler“™s Sambas oder die Bossa Novas erfreuten und ließen Füsse tippen, oder die Körper der Besucher im vollbesetzten Pfandhaus rhythmisch wiegen. Tief beeindruckt haben mich aber besonders seine Interpretationen der Saudades, dieser ganz spezielle Balladenform der Brasilianer. Das Wort ist ein „urpersönliches“ der brasilianischen Sprache und lässt sich nur sehr unzureichend übersetzen. In den Saudades drückt sich eine Vermischung von Gemütszuständen wie Weltschmerz, Melancholie, Sehnsucht und Wehmut oder einfach nur Traurigkeit aus. Die Portugiesen haben eine ähnliche Musikrichtung mit ihrem Fado. Und obwohl angeblich nur die Brasilianer die Saudares wirklich singen können, übertrug Peter Fessler mit seinem Vortrag eine Menge dieser Gefühle. Er lies uns teilhaben an dieser musikalischen Stimmung, die, trotzdem sie auch ein Einsamkeitsgefühl beschreibt, nicht negativ zu bewerten ist.

Nach der Pause wurde im zweiten Teil des Konzertes das musikalische Duo Fessler/Gottlieb mit Percussionist Alfonso Garrido und Berthold Matschat bereichert. Garrido faszinierte schon allein wegen der ausgefallenen Optik seines „Birimbao“, einem seltenen Instrument, welches ursprünglich die Sklaven aus Afrika nach Brasilien brachten und selbst anfertigten. Es sieht einem Jagdbogen ähnlich und ein aufgeschnittener Flaschenkürbis bildet den Resonanzraum. Bertholt Matschat wurde dann von Fessler quasi wie ein alter Freund aus dem Publikum herausgerufen, und beeindruckte mit seinem Spiel der chromatischen Mundharmonika. So entstand durch die Performance der vier Musiker eine komplette Fusion von beindruckender Intensität. Das Publikum erlebte Momente von großer musikalischer Authentizität und applaudierte stürmisch.

Am Ende gab es etliche Zugaben. Fessler bemerkte noch, nach diesen Konzerten würde er immer nach einem „Jazzstandard“ gefragt. Auch amüsierte es ihn offensichtlich, dass ein Kriker über ihn schrieb, er sei vom Popsänger zum Jazzsänger „mutiert“ ! „Hier sitzt der Mutant“ , rief er in den Saal und erntete Gelächter. Dann wurde er wieder ernster und erklärte, dass der folgende Song „All The Things You Are“ schon immer in seinem „Gepäck“ sei – er aber jetzt nicht so intim werden müsse, zu sagen, warum.

Diese letzte Zugabe wurde dann ein langer, einziger Höhepunkt. Natürlich siedelte Fessler auch diesen Uralt-Titel (Musik: Jerome Kern, Text: Oscar Hammerstein II ) aus dem Jahre 1939, ganz und gar an die Copacabana an. Seine Version zeigte erneut unerschöpflichen Ideenreichtum an Improvisation. Totale musikalische Sicherheit und nicht zuletzt seine große Liebe zur Musik allgemein, wurden so überdeutlich. Fessler endet den Song mit langen, ausufernden Vocalkaskaden. Eine folgt der nächsten, er legt jetzt eine Menge Humor in seine Vorstellung und jongliert die Noten zu derart kreativ-ausschweifende Koloraturen, dass sein Publikum immer wieder in Lachen ausbricht. Aber da gebietet er mit ausgestreckter Hand Einhalt, und murmelt erklärend ins Mikro: „that“™s Jazz,“ (!) und macht unverdrossen noch eine ganze Weile weiter mit dem nicht endenden Spiel seiner berückenden, instrumentalen Vokaltechnik.

Es ist, als ob Fessler all sein Können hier in einem Song vereinigt. Es sind keine „Kunststückchen“ die er zeigt, sondern wir erleben, wie ein Künstler mit höchster Musikalität aber auch mit großer Leichtigkeit sich total der Musik ausliefert. Ich denke, zumindest dieses letzte Stück war unvergesslich.

Nachtrag:
Zur Kritik der After Hours-Roger Cicero CD „There I Go“ schrieb ich damals:
„Cicero überflügelt für meinen Geschmack auch den am meisten etablierten deutschen Jazzsänger
Peter Fessler…“

Das widerrufe ich nach diesem Fessler – Konzert.
Ein sehr voreiliges Urteil war das! Roger Cicero ist anders als Fessler.
Im reinen Jazzgesang klingt er live zwar dynamischer – aber er überflügelt ihn nicht !

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Jazzie ist mein Nickname als Schlagzeuger und Jazzmusiker. Das Colozine Köln News Magazin ist mein Blog. Beruflich bin ich Inhaber einer Internetagentur in Köln und Ostfriesland. Hier fröne ich meinen Hobbys. Ich liebe Smooth Jazz und die USA Jazz Musik Szene. Als Main Stream Jazz Fan sehe ich Harmonie, nicht nur in der Musik, als unser aller höchstes Gut an. Jazz-, Pop-, Hardrock- und Bluesmusik hat die Welt verändert und ist für mich unverzichtbar. Grund genug durch die Welt zu surfen und Ausschau nach guten Music Acts und Musikern zu halten. Ich bin Fan des ersten Fußballclub Köln. Weitere Faibles gelten dem Motorsport,Tennis,Squash und Motorrad fahren. Ich bin Honda Freak und lasse mir gerne den Wind um die Nase wehen. Neben Köln, zieht es mich nach Ostfriesland. Denn dort ist das Meer und ein 243 Jahre altes Haus :-) Bei Fragen oder Fehlangaben auf den Colozine Köln News Seiten hier die Kontaktmöglichkeit Jazzie (Reinhold Packeisen) Oder Mail an info@koeln-news.com :-) Tel.+49 2236 7025094