Cassandra Wilson Jazzikone gibt sich minimalistisch – leider auch dumpf und glanzlos

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Zum 100. Geburtstag von Billie Holiday( (* 7. April 1915 in Philadelphia; “  17. Juli 1959 in New York) sind einige Tribute-Alben erschienen. Eines, welchem Jazzgazetten und Jazzfans sicher die größte Aufmerksamkeit widmen, ist das neue Billie-Holiday-Tribut-Album von Cassandra Wilson „Coming Forth By Day“.

Wilsons Diskographie ist beeindruckend und einige ihrer CDs aus den 80zigern und besonders aus den 90zigern, bezeugen ganz klar, dass sie international eine der wichtigsten Jazzinterpretinnen unserer Zeit ist. Wilson gehörte zwar nie zu meinen absoluten Jazz-Lieblingsvokalistinnen – da ich dynamische Stimmen mit großer Bandbreite (z.B. Dianne Reeves, Dee Dee Bridgewater) außerhalb des unübertrefflichen Ella-Sarah-Billie-Carmen Clubs – bevorzuge. Dennoch besitze ich als Vokaljazz-Fan fast alle ihre CDs – und einige Cassandra-Wilson-Alben liebe ich wirklich sehr Meine Albumfavoriten sind „Dance To The Drums“ (1992) und „Blue light ‚Til Dawn“ (1993) „“ Das ist Musik, die ich immer wieder mit Freude hören kann.

Das Gegenteil von Freude stellt sich bei mir nun ein, nach mehrmaligem Hören ihrer neuesten CD. Ich bin gut informiert durch verschiedene lobpreisende Artikel zu diesem Album. Leider stelle ich immer mehr fest, dass die seriöse Jazzpresse( Jazzthing, Jazzthetik , weniger Jazzpodium) bei ihrer Vorstellung von neuen Jazz-CDs „“ und besonders dann wenn es sich um „Ikonen“ handelt, die sowieso weltweit im Jazzterrain gut verkaufen wie Krall, Reeves oder jetzt Cassandra Wilson, – nicht immer wirklich die musikalischen Erzeugnisse kritisch genug behandeln. Alles ist nur wunderbar, einzigartig, bedeutungsvoll und wichtig! Im Grunde wird gelobhudelt wie bei der unsäglichen, deutschen Echopreisverleihung – aber natürlich auf höherem Niveau! Kritische Töne werden auch in der Jazzpresse kaum noch angeschlagen.

Musik kann nur subjektiv beurteilt werden – so gesehen ist „Coming Forth By Day“ mit Songs, die mir ausnahmslos viel bedeuten – einfach nur eine riesige Enttäuschung und sogar noch mehr als nur das: Cassandra Wilsons neue Interpretationen von Billie-Holiday-Klassikern empfinde ich als misslungen, denn was ich höre, ist eine große Unzulänglichkeit in der Gesamtgestaltung dieser fantastischen, zeitlos anspruchsvollen Standards.

Im Song „Good Morning heartache“ kann Wilson nicht einmal glaubhaft so etwas wie echte Schwermut ausdrücken, denn ihr Gesang ist derart reduziert und tonlos, dass diese Art der Interpretation auf mich nur noch unbeteiligt, fast schon apathisch wirkt.

War ihre Stimme früher voll, dunkel, geheimnisvoll- auf „Coming Forth By Day“ hat sie alles von ihrer früheren, besonderen Aura verloren! Der klangsinnliche Reiz ihrer Stimme auf früheren CDs aus den 90s ist wie weggefegt. Es fehlen Spannung, Wärme und auch Innigkeit. Die Jazzdiva zeigt sich betont minimalistisch: dabei erweist sich das vokale Klangbild der Wilson dumpf, matt glanzlos, schlicht trist! Ihre Stimme erklingt, als sänge sie durch zig Mullbinden.

Es gibt auch keinerlei vokale Farbwechsel – alles bleibt energielos und unzugänglich. Ihre Emotionsskala ist stark verhalten, blutleer – kennt nur Eintönigkeit, Leblosikeit. Nach einem Anflug an Virtuosität oder Engagement sucht man bei diesen Interpretationen vergeblich, denn auch ihre textgezeugte Phrasierung klingt musikalisch eindimensional.

Die Art, wie Cassandra Wilson auf diesem Album singt, interpretiert, hinterlässt bei mir den Eindruck, jeder der Songs besteht lediglich aus drei bis fünf Tönen. So nähert sich Wilson dem Sprechgesang. Am deutlichen wird das bei „You Go To My Head“. Ein Song der sozusagen ein Traum an Komposition ist, scheint bei Wilsons Vortrag fast keine Melodie mehr zu haben!

Die Arrangements tun das übrige – in vielen Passagen wird ihre Stimme schwammig eingehüllt und abgedämpft von Streichern. Ich habe keine Streicherphobie wie viele Jazzfans – aber es muss passen. Damit überhaupt noch ein Minimum an „Stimmpräsenz“ wahrnehmbar ist, legte man jede Menge Hall auf ihre Stimme – bei George Michael mag das Stilprinzip sein- bei Cassandra Wilson mit Billie Holiday Standards ein großer Fehler, der sich unpassend, störend und befremdlich auswirkt.

Ich habe übrigens einigen von meinen befreundeten Jazzfans die CD vorgespielt und jeder konnte meine Einschätzung und große Enttäuschung nachvollziehen. Es tut mir leid, dass ich mein „subjektives“ Entsetzen zu diesem Wilson-Album hier mit soviel Vehemenz zum Ausdruck bringe – aber die Begeisterten dieses neuen Wilson-Albums tun diese ebenso auf ihre durchaus versierte Weise. Das ist alles okay. Jedem das Seine. Ich habe leider nach jedem Song den Eindruck, dass Frau Wilson froh ist, es hinter sich gebracht zu haben. Wenn überhaupt ein einziger Song halbwegs gelungen ist , dann „The Way You Look Tonight“.

Letzlich kann ich zum eventuellen Verständnis meiner Beurteilung nur noch zufügen: Mir ist jede Exaltiertheit, Übertreibung, Manieriertheit, emotionale Hingebung im Jazzgesang immer noch lieber, als diese kraftlos-triste, spannungslose Weise der Songgestaltung.

Soeben habe ich mir auch ein anderes Holiday-Tribut besorgt: die neue José James CD – „Yesterday „“ I had The Blues“ .Ein großartiger Sänger, der leider noch nicht die längst verdiente Wertschätzung eines Gregory Porters hat. Auch wenn José James auf dieser CD beileibe keine exorbitanten Gesangsexkursionen präsentiert – dieses Album hat alles , was dem Cassandra Wilson Album an Intensität fehlt.

© Werner Matrisch, Köln, 9. April 2015

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Die JAZZ CD/DVD- und Konzert Rezensionen von Werner Matrisch sind ein besonderes schöne Rubrik. Jazzie traf den Kölner Maler und Künstler Werner Matrisch "Homepage WernerMatrisch" bei einer Vernissage. Wir kamen ins Gespräch und entdeckten, das wir nicht nur eine gemeinsame Leidenschaft, die Malerei haben, sondern auch dem Jazz sehr zugetan sind.