Köln- Es gibt Niederlagen, die man sich hinterher erklären muss. Und es gibt Niederlagen, die man sich schon vor dem Anpfiff hätte erklären können. Die vom Samstag im Volkspark gehört zur zweiten Sorte, mit dem kleinen Unterschied, dass sie fast 45 Minuten lang nach etwas ganz anderem aussah.
Mutige Startelf, magere Ausbeute
Die Nordkurve hatte sich erwartungsvoll auf dieses Spiel vorbereitet, und René Wagner schien es ähnlich zu gehen. Nach den vorsichtigen Auftritten gegen Stuttgart, Hoffenheim und SV Werder Bremen schickte er erstmals wieder die volle Kapelle los, mit Said El Mala von Beginn an. Das sah mutig aus und war es auch. Der FC hatte in der ersten Hälfte gut 70 Prozent Ballbesitz, der HSV brauchte über eine halbe Stunde für seinen ersten Torschuss. Ein Gegner, der eine Woche zuvor in Leipzig 0:5 untergegangen war und seit Wochen kein Tor mehr erzielt hatte, stand tief und hoffte auf ein Wunder oder wenigstens auf einen Fehler.
Beides bekam er. Das Wunder hieß Daniel Heuer Fernandes, der gegen Moore, El Mala und Dallinga alles hielt, was der FC ihm anbot. Die Kölner Chancenverwertung erinnerte in dieser Phase an eine Behörde, die Anträge bearbeitet: sorgfältig, ausdauernd und ohne erkennbares Ergebnis. Der Fehler kam in der 44. Minute, wie er in Köln immer kommt, nach einer Ecke. Nicolas Capaldo köpfte ein, und der HSV hatte nach seiner Torflaute plötzlich ein Tor. Es war, wie selbst die Fachpresse heute anmerkte, ein schmeichelhaftes.
Sechs Minuten, die alles erklären
Nach der Pause spielte der FC sechs Minuten lang so weiter wie vorher. Moore schoss aus acht Metern frei stehend über die Latte, im Gegenzug konterte der HSV und Yussuf Poulsen, der Joker, erhöhte auf 2:0. Zwischen der 44. und der 50. Minute verlor der FC ein Spiel, das er 44 Minuten lang nicht gewonnen hatte.
Zweite Halbzeit: Zweikämpfe, Vorchecking, Ideen abwesend
Was danach kam, war schwer anzusehen. In den Zweikämpfen fehlte plötzlich der Zugriff, Mittelfeld und Abwehr ließen nach, das Vorchecking hörte einfach auf. Die Passquote sank, das Spiel kippte nach links, und alles, was El Mala tat, war so augenfällig, dass der HSV es sich in Ruhe ansehen konnte. Lichtblicke waren nur noch Mickey Moore, der wenigstens immer dort auftauchte, wo Tore fallen sollten (der Ball war nur nicht immer dabei), und Gideon Mensah. Ein Konzept war wieder nicht zu erkennen. Was Wagner den Spielern in der Pause mitgegeben hat, weiß ich nicht. Es war jedenfalls zu wenig.
Aches Kopfball und die Pfiffe der 6.000
Ragnar Ache köpfte in der 90. Minute noch das 1:2, ein Treffer für die Statistik und für das Gewissen. 6.000 Geißbock-Fans hatten im Stadion mächtig Alarm gemacht, und am Ende pfiffen sie, nicht nur in der Nordkurve, sondern auch im Gästeblock. Das ist in Köln selten ein gutes Zeichen. Wer den FC-Anhang auswärts zum Pfeifen bringt, hat schon einiges richtig falsch gemacht.
Klopp hat recht – und Wagner die Sympathie
Bundestrainer Jürgen Klopp hat diese Woche gesagt, Spiele könne man nur aus einer guten Defensive heraus gewinnen. Der HSV hat das beherzigt, Köln hat es wieder versäumt. Schon während des Spiels habe ich bei Bluesky die wahrscheinliche Aussage von Wagner in der Pressekonferenz vorweggenommen: „So stark haben wir den HSV nicht eingeschätzt. Meine Jungs haben alles gegeben. An den Schwächen in der Effzeh-Abwehr werden wir in den kommenden Wochen intensiv arbeiten.“ Ich hätte es schon nach 70 Minuten schreiben können, und ich fürchte, ich werde es noch öfter schreiben können. Natürlich hat er das wortgetreu nicht gesagt, aber ihr wisst was ich meine.
René Wagner ist ein sympathischer Typ, ein lieber Mensch. Sympathie ist aber keine Spielidee. Ob er aus dieser hochtalentierten Gruppe ein Team formen kann, das in der Bundesliga besteht, bezweifle inzwischen auch ich. Mit diesem Zweifel bin ich in Köln längst nicht mehr allein, es sind schon länger ganz viele. Die anhaltende Auswärtsschwäche und die Anfälligkeit bei Standards sind dafür Belege, keine Ausrutscher mehr. Ob sich das in der Länderspielpause bis zum Derby gegen Gladbach beheben lässt, weiß ich nicht. Wer mich kennt, weiß, wie ungebrochen mein Optimismus in Sachen FC sonst ist. Diesmal fällt er mir schwer. Ich bleibe natrülich Effzeh Fan und freue ich mich auf den nächsten Spieltag und das Derby und wenn es wieder heißt: Come on Effzeh!
So standen die Teams im Hamburger Volkspark auf dem Grün
Hamburger SV: Heuer Fernandes – Capaldo, Torunarigha, Omari – Møller Wolfe, Remberg, Lokonga, El Ouahdi – Grønbæk, Fábio Vieira – Moffi (ab 46. Poulsen)
1. FC Köln: Schwäbe – Castro-Montes (67. Johannesson), Simpson-Pusey, Lochoshvili, Mensah (64. Sosa) – Skhiri, Krauß (81. Waldschmidt) – Maina (81. Bülter), Moore, El Mala – Dallinga (64. Ache)
Die Tore
1:0 Capaldo (44., nach Ecke)
2:0 Poulsen (50., nach Flanke von Grönbaek)
2:1 Ache (90., Kopfball nach Flanke von Skhiri)






































































