Barbra Streisand – Eine Ikone fast auf Augenhöhe

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Köln- „Streisandkonzert in Köln, 12. Juni“ „¦ ungläubig starre ich auf das Display meines Handys! Es ist Ende März und ich befinde mich im oberägyptischen Assuan. Das ist ja mal ein netter Scherz, denke ich. Kurze Zeit später sollte ich erfahren, dass es keineswegs ein Scherz war und es einige SMS-Aktionen und Anrufe mit Freunden bedurfte, bis die Ticketfrage geklärt war. Einige Tage später, war dann mein erster Gang ins Reisebüro um einen Flug nach Valencia zu stornieren, den ich für den 12. Juni herum gebucht hatte. Eine Kleinigkeit im Vergleich dazu, was Streisandfans sonst so auf sich nehmen, wenn sie zum Beispiel aus Übersee kommen und über London, Amsterdam, Köln, Berlin oder sogar Israel den Konzerten der Streisand nachreisen.
Das ist so: Streisand has the most devoted fans……

Die neueste Konzerttour der Ikone startete letztes Jahr im Herbst in USA, unter dem Titel: „Back to Brooklyn“. Vorgesehen war zunächst nur ein Konzert in ihrer Heimatstadt New York (Brooklyn) anlässlich ihres 50jährigen Jubiläums. Nachdem dieses Konzert binnen weniger Stunden ausverkauft war, wurde ein zweites Konzert angesetzt… und so ging es weiter bis zwölf Konzert-Termine – unter anderem auch in Vancouver, Chicago und zweimal Los Angeles feststanden.

Streisands „Mini-Europa-Tour“ unter dem Titel „BARBRA LIVE“ nur einige Monate später, kam dann doch überraschend. Zuletzt war sie 2007 in der Berliner Waldbühne aufgetreten „“ es war ihr erster Konzertauftritt in Deutschland überhaupt. Selbstverständlich gestaltet sie auch ihr neues Konzertprogramm nach einem perfekt konzipiertem Drehbuch „“ so wie es schon bei ihren großen Touren Concert 1994, „Timeless“ 2000 oder „Concert 2006“ war. Barbra Streisand erlernte die Kunst des Entertainment 1964/65 bei ca. 1000 Live-Performances von Funny Girl in New York und London auf der Bühne. Sie weiß und beweist es immer wieder, dass großes Entertainment von Können kommt (Begabung vorausgesetzt), und ablaufen muss wie die Kür eines Weltklasse-Eisläufers. Nämlich mit unbestechlicher Professionalität.

An den Konzepten für eine Konzerttour ist sie immer zum großen Teil selbst beteiligt. Wenn einmal ein sorgfältig entwickeltes Konzept steht, ist bei Streisand-Konzerten ein präziser Ablauf wichtiger als Improvisation – was nicht heißt, dass sie niemals improvisiert, oder nicht auf Zurufe schlagfertig reagieren kann. Dass nichts wirklich kalt oder einstudiert wirkt, ist dann die große Kunst von Streisand. Auch der übergroße Telepromter stört da nicht. Dank ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit und ihrer Erfahrung kann sie sich immer glaubhaft und natürlich darstellen. Sie und ihr Team haben sich jedes Detail genauestens überlegt: an welcher Stelle erzielt dieses Foto oder dieser Song in Reihenfolge zum vorherigen die beste Wirkung beim Publikum, usw.

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FAMILIENALBUM
So ist es eine perfekte Einstimmung auf das Konzert, wenn zur nostalgischen Musik des 60köpfigen Orchesters auf den Bildwänden Fotos von Streisands Eltern, früheste Kinderfotos von ihr, und ihren Geschwistern, sowie Bilder von ihrem heimatlichen Umfeld Brooklyn erscheinen. Der Blick in das „private“ Fotoalbum der legendären Streisand vermittelt augenblicklich ein Gefühl der Intimität. Das Publikum erhält mit jedem Foto mehr und mehr – fast unbewusst – emotionalen Zugang zum Menschen „Barbra Streisand“ – wenn er sich darauf einlässt. Denn gerade diese Kinderfotos berühren, weil an der Authentizität nicht zu zweifeln ist. Streisand und große Gefühle – das ist untrennbar. Deshalb ist die Überschrift zur Konzertkritik vom Kölner Stadtanzeiger: „Auf dem Wellenberg des Gefühls“ durchaus zutreffend.

ON A CLEAR DAY
Dann steht Streisand auf der Bühne, begleitet von langem, donnerndem Applaus und Standing Ovations. Um derart stürmisch empfangen zu werden, muss man schon einiges geleistet haben. „On A Clear Day“ ist ihre erste fulminante Show- und Musical-Arie, die gleich alle atemberaubenden, langanhaltenden Noten enthält, für die Barbra Streisand berühmt ist und die man wohl immer noch erwartet.

Wir wurden nicht enttäuscht – ihre kraftvolle Stimme erfüllt die Arena. Großartig – dieser Klang! Es gibt das nächste Standing Ovation, dem noch viele an diesem Abend in der Lanxess-Arena folgen werden. Im unteren bühnennahen Parkett waren es 21 – und 21 entspricht in etwa der Anzahl der Songs, die Streisand und ihre „Guests“ vorgetragen haben.

SMILE
Wenn man will kann man es auch als eine Art musikalisches Familientreffen ansehen, was Streisand mit diesen Konzerten veranstaltet hat. Denn ihre Gäste waren ihre jüngere Schwester Roslyn Kind, selber Sängerin und ihr Sohn Jason Gould.. Roslyn hat seit den 60s schon CDs veröffentlicht, gibt häufig Konzerte in den USA und ist stimmlich und stilistisch sehr nahe an ihrer berühmten Schwester, was einen größeren künstlerischen und kommerziellen Durchbruch wahrscheinlich eher verhindert hat. Nichtsdestotrotz ist sie eine gute Sängerin mit voller, starker Stimme, auch wenn Barbra ein charismatischeres Timbre hat. Roslyn Kind kann das beweisen – fast am Ende des Konzerts in einem Duett mit Barbra. Die beiden Frauen geben eine berührende Vorstellung des Chaplin-Klassikers „Smile“.

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HOW DEEP IS THE OCEAN
Jason Gould hatte im letzten Herbst eine EP-CD mit fünf Songs veröffentlicht, darunter Eigenkompositionen. Herausragend finde ich seine Version von „Nature Boy“. Sein Cover kann sich messen mit vielen berühmten Versionen. Seine warme, eher hohe Stimme benutzt er nuanciert. Auffällig an diesen fünf Titeln sind die ausgezeichneten, sehr eigenständigen und modernen Arrangements. Könnte gut sein, dass Mutter beratend zur Seite stand .“How deep is the ocean“ heißt der Song, den auch er in einem überaus gefühlvollen Duett mit seiner Mutter, noch im ersten Akt der Show, singt. Klar, dass so ein Duett genügend Anlass zur mehr oder weniger liebevollen Spöttelei gibt. In der gut geschriebenen Kritik der Rheinischen Post konnte man dazu lesen: „und man meinte, Sigmund Freud auf seiner Wolke im Himmel leise kichern zu hören“…. Musikalisch halte ich dieses Duett trotzdem für gelungen – auch wenn ein gewisser Kitschfaktor der gesamten Performance nicht zu leugnen ist.

MISTY
Anschließend konnte Jason Gould bei seinem Soloauftritt von Erroll Garners weltberühmten Klassiker „Misty“ mit variabler Stimmführung glänzen. Singen kann er, auch gutes Stimmmaterial ist da. Sein Vortrag erinnerte manchmal sogar an George Michaels Balladenstil. Aber es war gut, dass es bei einem Solo blieb. Um länger ein Publikum in Spannung zu halten, muss er doch noch einiges lernen. Mit 46 Jahren eine Gesangskarriere zu starten – auch mit Unterstützung der weltberühmten Mutter – ist nicht ganz einfach und könnte schnell wieder im Sande verlaufen. Ich frage mich da wirklich, warum so viel kostbare Jahre verstreichen mussten.

BALLADEN, FILMSONGS, GYPSY-MEDLEY
Der erste Akt beinhaltete neben den wunderbaren Balladen „Bewitched“, und „Didn’t We“, auch die Filmsongs „The Way He Makes Me Feel“ (Yentl) und wieder mal eine beeindruckende Version von “ The Way We Were“ – ein Song, den wirklich nur Streisand so berührend singen kann. Das Publikum wird zur Pause entlassen mit einem furios gesungenen Medley aus dem Musical „Gypsy“. Es gipfelt am Ende mit Streisands immer noch unübertroffenem „Don’t Rain On My Parade“ aus „Funny Girl“.Anschließend orkanartiger Beifall. Mit diesem Gypsy-Medley zeigte Streisand unzweifelhaft, dass sie eine glänzende „Mama Rose“ in einer bereits lange geplanten, neuen Filmversion des Musicals wäre. Mindestens jedenfalls für die musikalischen Aspekte!

MY MAN
Der zweite Akt startet mit einem Funny Girl -Filmausschnitt (1968): Fanny sitzt in ihrer Garderobe und verabschiedet sich von Nick ( Omar Sharif.), bevor sie diesen Übersong „My Man“ singt. Eine unvergessliche, schon überwältigende Leistung damals – und immer noch überzeugend 2013.

CHRIS BOTTI UND BARBRA STREISAND
Auf andere Weise fast noch faszinierender ist für mich die neue musikalische Verbindung von Jazz-Trompeter Chris Botti mit der Streisandstimme. Der 1962 geborenen Botti hat schon Sänger und Musiker wie Sting, Paul Simon, Josh Groban, Michael Bublé, Lee Ritenour oder Burt Bacharach begleitet. Musikalisch kann man Chris Botti dem Smooth-Jazz zuordnen und er passt klanglich nach meinen Empfinden besonders gut zur Streisandstimme. Der kräftige, silbrig-rauhe Klang seiner Trompete kontrastiert harmonisch und effektvoll mit dem warmen Timbre der Streisand und vermittelt einen neuen, eher ungewohnten Streisandsound: denn hier dominieren nicht die Streicher. Auch stilistisch passen sie gut zusammen. Viele Kritiker werden nicht müde, in ihren Rezensionen Streisands Gesangsart und auch ihr Repertoire immer wieder in Richtung Gefühlskitsch zu drängen. So schreibt der Kölner Stadtanzeiger in seiner Rezension zum Konzert unter anderem sogar von „Geschmacksrichtung Sahnetorte“ Die Berliner TAZ berichtet dagegen: „sie kann was sie immer konnte: ein Lied mit keiner Note dem Kitsch auszuliefern“

Tatsächlich ist es so, dass Streisand mit sehr viel Gefühl singt, oder wie Ray Charles es einmal treffend formulierte:“ she doesn’t just sing notes – but sings feelings..!“ Dabei bleibt Streisand durch ihren „straighten“ Gesangsstil kitschfrei. Mit sicheren Instinkt holt sie aus einer Melodie das Beste heraus und interpretiert klar. Bei Streisands Gesang gibt es keine kitschigen Verzierungsschnörkel wie sie bei Beyonce, Mariah Carey und unzähligen Casting-Sängerinnen unentwegt eingesetzt werden. Offensichtlich in der Annahme, man könne dadurch die Melodie „verbessern“ oder ihr eine individuelle und modernere Note verpassen! Doch nichts ist da individuell und ob Schnörkel modern sind, mag dahin gestellt sein. Was für Stevie Wonder stimmig und sein ureigener „Soul“ war, muss nicht für Legionen jüngerer Sängerinnen richtig sein! Eine stereotypische Zeiterscheinung, die leider noch anhält.

Fazit ist: diese Sängerinnen klingen alle gleich und Streisand hört man immer heraus – weil sie „timeless“ ist und sich niemals stilistisch irgendwelchen Moden unterordnete. Egal was sie sang – ob Pop oder Klassik: sie war immer überraschend variationsreich dem Idiom der jeweiligen Musik zugetan – aber blieb immer sie selbst. Botti spielt ebenso geradlinig wie Streisand singt. Auch er hat keinen ornamentalen Zierrat in seinem Trompetenstil. Deswegen passen sie so gut zusammen.

Barbra Streisand Plays O2 Arena

Drei Songs werden von Botti und Streisand vorgeführt und alle drei gelingen meisterhaft und gehören mit zu den „Highlights“ des Konzerts. Mir gefiel am besten das Medley „What’ll I do/My Funny Valentine“, doch den noch größeren Applaus erhielten sie für „Lost Inside Of You“ und „Evergreen“, beide Songs aus „A Star Is Born“. Durch die neuen Arrangements und in dieser musikalischen Konstellation klangen die Songs veredelt und spannender als die Originale.

EMMANUEL
Danach verabschiedet sich Streisand, nicht ohne zu verkünden, dass sie sofort nach dem nächsten Stück wieder da ist. Chris Botti und Violonistin Lucia Micarelli haben mit dem 60köpfigen Orchester eine imposant-virtuose Instrumentalnummer, genannt „Emmanuel“ – übrigens der Vorname von Streisands Vater.

PEOPLE
Für mich sollte nun eine der wert- und wirkungsvollsten Vorstellungen von Barbra an diesem Abend kommen. Und das war ausgerechnet „People“! Ein Song den sie hunderte Mal gesungen hat, der eigentlich nichts Neues mehr vermitteln kann. Aber hatte dieses Konzert nicht bereits seit Beginn gezeigt, dass Streisand in hervorragender Konstitution war? Eingedenk, dass sie natürlich nicht mehr diese überirdische Reinheit und Klarheit in der Höhe hat, eingedenk, dass sie mit 71 Jahren nicht mehr ihr einst so großes Volumen lange einsetzen kann.

Doch „People“ in der Lanxess-Arena 2013 war überwältigend. Ihre Stimme hatte soviel Strahlkraft wie in alten Tagen – so viele Nuancen und Ausdruck, als ob noch einmal alle Tugenden und oft beschriebenen Eigenarten ihrer Gesangskunst sich in diesem einen Song vereinten. Bei diesem ihr auf den Leib geschriebenen Song, beim gemeinsamen Erleben in dieser riesigen Arena mit 13.000 Menschen, wurde mir klar, dass Streisand neben ihrer Stimme wirklich eine überdimensionale Ausstrahlung hat. Eine Freundin von mir saß hoch oben, in der preiswertesten Kategorie – weit entfernt von der Bühne „“ sie hatte Gänsehaut und war ebenso gebannt wie die Menschen, die in der ersten Reihe saßen. Die Streisand-Aura erfasste die gesamte Arena, bis zu den Menschen in den obersten Reihen.

Nach dieser Performance gab es donnernden und den gefühlt längsten Applaus – zu Recht. Und noch etwas fiel mir auf, während Streisand „People sang: Ein Hallenkonzert ist intensiver als ein Open-Air-Konzert. Ich hatte Streisand bei ihrem Konzert in der Berliner Waldbühne erlebt. Eine wunderschöne Lokation, inmitten von Grün. Es war noch lange hell, als Streisand sang. Man schaute gelegentlich über die Landschaft und das große Amphittheater. Der Sound, so gut er auch war, verflüchtigte sich doch etwas weg zu allen Seiten. Jedenfalls nicht vergleichbar mit dem kompakten Sound in einer Halle, wo er sich mit voller Wucht entfalten kann und auch dort bleibt.

Der Sound beim Streisandkonzert in der Lanxess-Arena war sehr gut. Nach der Pause war es etwas lauter als vor der Pause. Vielleicht wegen der Dramaturgie: Steigerung ist ja nicht schlecht – oder auch, weil oft erst nach der Pause der Sound und Reaktionen darauf hin richtig erkannt werden. Ich habe dieses Konzert und besonders Streisands Stimme ungleich intensiver erlebt als beim Open Air Konzert in der Waldbühne oder auch in Wien 2007. Alles war im Höchstmaße konzentriert „“ es gab kein Entweichen und das Publikum verhielt sich bravourös. Volle Aufmerksamkeit, keine Handys in der Luft, keine störend leuchtenden Displays vom Sitznachbarn, kein Umherlaufen mit Getränken.

HERE’S TO LIFE
Der nächste Song „Here’s To Life“ zeigt die gereifte Streisand – zurückgenommen, reflektierend. Sitzend auf dem Stuhl, neben sich ein kleiner Tisch mit einer Blume und der Tasse Tee – ist sie voll und ganz die Schauspielerin, die singt:
„No complaints and no regrets I still believe in chasing dreams and placing bets. And I have learned that all you give is all you get -so give it all you’ve got“
Zwar klingt Wehmut über das Vergangene durch, aber es ist ein positives Bekenntnis zum Leben:
„May all your storms be weathered, and all that’s good get better..“
Dabei hält sie am Ende die Tasse hoch, richtet sie ans Publikum und singt betörend wie nur sie es kann: Here’s to life, here’s to love, and here’s to you“

Auch wenn sie es schon immer konnte – dieses „Story-Telling“, jetzt nach fünfzig Jahren Show-und Lebenserfahrung nimmt man ihr jede Zeile ab. Und auch damit vermag sie zu faszinieren, für manchen sogar mehr denn je – es müssen nicht immer die großen voluminösen Noten sein.

MAKE OUR GARDEN GROW
Die kommen dann aber noch einmal wenn sich ein Riesenchor auf der Bühne versammelt. Und wie! In Köln war das der Porzer Gospelchor „Spirit of change“, der im Vorfeld von Streisands Managment unterrichtet wurde. Auf dem Programm steht „Make Our Garden Grow“, von Leonard Bernstein aus der Operette „Candide“. Chris Botti intoniert mit seiner Trompete die ersten Noten und nachdem Streisand den ersten Vers gesungen hat, setzt der Chor ein. Später erheben zwei Tenöre hintereinander ihre Solostimmen. Das alles baut sich vielstimmig, prachtvoll und hymnisch anmutend auf. Nach fast dreistündigem Programm (mit Pause) darf jetzt ruhig mal für einige Minuten Musik mit viel Pathos und Bombast aufgefahren werden. Die Lautstärke wird zum ersten Male an diesem Abend für Sekunden grenzwertig – dann ist es vorbei. Ein Orkan braust los…. aber da fallen mitten in den Applaus hinein noch die letzten Takte von „Somewhere“. Das hat Effekt – man muss es sagen!

HAPPY DAYS ARE HERE AGAIN
Hierauf folgt das Duett („Smile“) mit Schwester Roslyn worüber ich schon schrieb und dann noch als Zugabe „Happy Days Are Here Again“. Sie widmete den Song Anne Frank, die genau an diesem Tag, dem 12 Juni (1929) geboren wurde mit den Worten: „Heute ist ihr Geburtstag der Song ist für sie.“ Einige Tage vorher hatte sie in Amsterdam zwei Konzerte und während ihres Aufenthalts dort auch das Anne Frank Haus besichtigt.

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SOME OTHER TIME
Mit ihrem letzten Song singt Barbra noch einmal eine wunderschöne Komposition von Leonard Bernstein, „Some Other Time“. Ein Lied welches zunächst ebenso schön wie unspektakulär klingt.
Irgendwo zwischen Volks- und Kunstlied – so klingt es. Aber man sollte es nicht unterschätzen – die plötzlichen, unerwartet hohen Noten wollen geschafft werden und bezeugen den großen Tonumfang dieser Ballade. Es ist ein Lied, welches man immer schöner findet, je öfter man es hört. Barbra singt sehr zum Publikum gewandt, zunächst leicht und erzählerisch, wird aber zunehmend intensiver mit den hohen Noten.

Es ist ihre letzte Zugabe – man weiß, das Konzert ist zu Ende. Aber man ist so gefangen, man möchte ihr stundenlang weiter zuhören. Sie hat die Arena in einen überschaubaren, geschlossenen Raum verwandelt, der ein warmes und intimes Zuhause wurde, in dem man dieses Konzert gemeinsam mit tausenden Menschen erlebt hatte. Da ist eine Verbundenheit, die man spürt. Man hat sich kennengelernt in den vergangenen zweieinhalb Stunden.

Streisand hat im Fragen-und-Antworten-Teil ihre Schlagfertigkeit bewiesen. Die Frage eines Kölners: „Bei uns ist es Tradition alle Stufen im Dom hinauf zu laufen, werden Sie das tun? Streisands Antwort: „In Amerika haben wir auch eine Tradition: die heißt „elevater.“ Ihre Lockerheit und Natürlichkeit lies oft vergessen, wer da eigentlich auf der Bühne steht. Sicher, bei der ersten gloriosen Schmetter-Arie „On A Clear Day“ war sie ganz Diva, aber in anderen Songs wie „Some Other Time“ wirkt sie eher wie ein gute Freundin oder Bekannte, die uns etwas mitteilen will. Nicht wie der „Superstar par excellence“ der sie ja nun wirklich ist. In jüngeren Jahren war Streisand wesentlich distanzierter zu ihren Fans. Sie erscheint heute den Menschen nicht abgehoben sondern in ihrem Erzählen mit dem Publikum fast wie eine Ikone auf Augenhöhe.

WOMAN IN LOVE / GUILTY / ENOUGH IS ENOUGH
Sie ging auch auf Publikumswünsche ein, in dem sie Kurzfassungen ihrer erfolgreichsten Songs aus ihrer „Pop-Ära“ sang. ( „Woman In Love“, „Guilty“ u. „Enough Is Enough“) Ich habe diese Auftritte nicht weiter beschrieben, weil ich sie gesanglich schwach fand – letztlich waren es die schwächsten Auftritte des Konzerts, wenn man es rein musikalisch betrachtet. Nicht weiter schlimm, denn es waren sehr kurze Stücke. Diese Titel passten nicht in den Kontext der anderen Songs. Einfach ein riesiger Niveauunterschied zu hochkarätigen Songs von Rodgers&Hart, Bernstein, Berlin, Styne, oder Legrand, Es war nicht wirklich gut – es war auch nicht schlecht. Nur ein nettes Pop-Intermezzo ihrer größten Chart-Erfolge, verständlicherweise umjubelt von den Menschen. Aber über die musikalische Qualität sollte niemand Lobeshymnen verbreiten.

Neben zahlreichen, zum Teil überaus positiven Berichten in den deutschen Printmedien zu den Konzerten in Köln und Berlin wurde die neue Streisand-Tour selbstverständlich auch in Fankreisen ziemlich eindeutig beurteilt, was die Qualität ihrer Stimme betrifft. Sie scheint in besserer Kondition zu sein als 2006/07. Es sind zweifellos einige altersbedingten Einschränkungen und Veränderungen da. Es gibt die kaum messbar kurzen, rauen oder leicht heiseren Töne, besonders in der Höhe bei laut gesungenen Noten. Sicher klingt ihre Stimme in lauten Passagen mitunter angestrengt, aber mir gefällt es, dass Barbra Streisand immer noch alles geben will und ihre Stimme voll und ganz aussingt, und nicht vorsichtig agiert und auf mehr oder weniger Flüster- oder Sprechgesang umstellt Es ist ja auch nicht immer, dass die stimmlichen Rauheiten auftauchen. Deswegen darf man die ansonsten gute Kritik von Axel Hill im Bonner Generalanzeiger (auch Kölnische Rundschau) als ziemliche Übertreibung empfinden:
„… immer noch großartig, nicht mehr mit allen Höhen, dafür aber mit einer Rauheit, die bisweilen an eine versoffene Barsängerin erinnert.“
Interessant ist übrigens auch, dass nicht wenigen Menschen die heutige Streisandstimme sogar besser gefällt als ihre bedeutend höhere, stählerne, vor Kraft berstende Stimme ihrer „besten“ Jahre.

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Das Kölner Konzert hat gezeigt, dass auch eine 71jährige Streisand mehr denn je zu faszinieren vermag und nichts von ihrem Legenden-Status eingebüßt hat – eher noch vergrößert. Im Gespräch nach dem Konzert zeigten sich die Menschen überaus beeindruckt – so als könnten sie nicht genug von Streisand bekommen. Ich habe von niemanden gehört, dem es leid um das Eintrittsgeld tat. Im im Gegenteil: es wurde gesagt, dass sie jeden Cent wert war. Auch ist es eigentlich eine Sensation, dass Barbra Streisand bei den unbestreitbar extrem hohen Ticketpreisen 13.000 Menschen in Köln und in Berlin (und auch überall sonst bei dieser Tournee) in die Hallen bekommt. Der Werbeaufwand für diese Tournee war minimal.

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Das Kölner Konzert war mein bestes, intensivstes, und berührendstes Streisandkonzert – und ich vermute, es wird auch das letzte gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Streisand mich in ihren jüngeren Jahren mehr in einem Konzert beeindruckt hätte. Das andauernde Faszinosum der Streisand liegt in der Gesamtheit ihrer komplexen, absolut authentischen Persönlichkeit. Eine solch magische Ausstrahlung hat man nicht mit Zwanzig, sie wird erworben durch gelebtes Leben.

Morgen am 22. Juni wird Barbra Streisand ihr 100. Konzert in Tel Aviv geben. Damit ist die “ BARBRA LIVE“ Tournee beendet. Ich hoffe, eine kommende DVD wird durch den Segen und die Freude der Wiederholbarkeit der Nachwelt und für kommende Generationen festhalten, wer Barbra Streisand ist – und sein wird.

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