ELLA – THE LOST BERLIN TAPES

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Köln – „Cheek To Cheek“….. und da ist es wieder: Ella Fitzgeralds funkensprühendes Jubilieren, dieser unwiderstehlich vorwärts stürmende Drive, mit dem die Sängerin die schwierigsten Noten und Höhen mit einer Leichtigkeit meistert, welche bis heute beispiellos geblieben sind.

Fast unglaublich – und doch wieder nicht – , dass von der First Lady of Jazz immer wieder Aufnahmen gefunden werden, die Jahrzehnte in den Archiven schlummerten. Denn man kann davon ausgehen, dass kaum eine andere Sängerin im Verlaufe einer fast 60 Jahre andauernden Karriere mehr Liveauftritte absolvierte. Der letzte Fund eines bisher unveröffentlichen Konzerts war „Ella At Zardis“ – ein Konzert von 1956. (Erschienen als CD und Vinyl 2017)

Nun fand man im Archiv des Verve-Label-Schöpfers, Jazzimpresario und Ella-Managers Norman Granz die Tapes des Berlinkonzerts von 1962. In diesen siebzehn Songs zeigt sich Ella erneut auf der Höhe ihrer vokalen Meisterschaft in Jazzphrasierung und Improvisation. Allein vier Songs sind aus dem Repertoire ihres Studioalbums „Clap Hands, Here Comes Charlie“ (1961) welches zu ihren besten der 1960er Jahre zählt.

Hier bietet sich bei den Liveaufnahmen ein Vergleich an – und man hört, dass Ella in der Liveperformance auch die Aufnahmen noch übertrifft, die man bisher für vollendet hielt. Im vokalen Arrangement ist „Cry me A River“ so angelegt wie bei der Studioaufnahme – aber live klingt sie ungleich dynamischer. Einzelne Noten hält sie länger mit Nachdruck und betont damit die Dramatik der Worte. In dieser Ballade klingt nichts Versöhnliches, sondern laute Erbitterung und Verletztheit. Pianist Paul Smith unterstreicht ihren Gesang adäquat mit seinen kraftvollen Klavierakkorden.

Neben dem Machtvollen ihrer voluminösen Stimme kann Ella bekannterweise ebenso mit ruhigen Balladen begeistern, geradezu verzaubern. Songs die man oft von ihr gehört hat, (Angel Eyes, Summertime, Good Morning Heartache, Someone To Watch Over Me) setzt sie auch in diesem Konzert immer wieder neue Glanzlichter auf. „Someone To Watch Over Me“ aus ihrem Gershwin-Songbook (1958) interpretiert sie mit dem wunderschönen Intro, (welches viele Interpreten oft weglassen). Die Gershwin-Brüder George & Ira verlautbarten einst: „Wir wussten nicht wie gut unsere Songs sind, bis wir hörten wie Ella sie sang“. (Womit sie wohl recht haben).

Cole Porters etwas abgeleiertes „C’est Magnifique“ aus dem Musical „Can Can (1953) singt Ella überraschend zunächst als sanfte Ballade mit warmen, einschmeichelnden Noten um dann zu Swing zu wechseln.

Und der unvergleichliche „Ella-Swing“ ist es dann auch, der in diesem Konzert ebenso dominiert wie beim ersten Berlin-Konzert von 1960. „Jersey Bound“ mit moderatem Scat, „I Want Dance“, „Taking A Chance Of Love“, und besonders Ray Charles „Hallelujah I love Him So“ swingen mitreißend. Letzteren Song musste Ella nach riesigem Applaus wiederholen. Typisch für Ella variierte sie diese zweite Version neu und mit humoriger Reminizenz an Ray Charles.

Die großen „Ella-Hits“ wie „Mr. Paganini“ und natürlich auch „Mack The Knife“ aber bleiben die unverwüstlichen Höhepunkte. Hier schafft sie es mühelos, Songs, die jeder Ella-Fan Note für Note kennt, mit neuer Leidenschaft zu füllen.

Sie beschließt dieses Konzert aber unerwartet mit dem „Wee Baby Blues“, einem Song den man von ihr noch nicht hörte. Ein „Request“ wie sie dem Publikum zuvor mitteilt. Der typische Bluesgesang war in Ellas Karriere eher die Ausnahme, entspricht er doch weniger ihrem Temperament und Musikverständnis.

Musikkritiker + Journalist Rainer Nolden schrieb dazu u. a. in seinem hervorragendem Buch 1986: „Ella Fitzgerald – Ihr Leben, Ihre Musik, Ihre Schallplatten“: Für die echte Bluesinterpretation hat Ella eine zu kultivierteStimme“. Das stimmt sicher – aber dennoch konnte sie 1963 mit ihrem einzigen Bluesalbum „These Are The Blues“ international großartige Rezensionen verbuchen und auch bei diversen Liveauftritten immer wieder mit ihrer furiosen Version des „St. Louis Blues“ begeistern und überzeugen. Hört man Ella hier mit dem „Wee Baby Blues“ hat man keine Zweifel, dass Ella durchaus auch Blues singen kann, bzw. konnte. Sie hält nichts zurück, liefert sich aus mit bluesig getränkten Höhenflügen – das Stück gerät zur vokalen „Tour de force.

Bemerkenswert ist auch die ausgezeichnete Klangqualität dieser Hifi- Stereoaufnahmen. So sind auch diese „verlorenen Berlin Tapes“ welche 58 Jahre im Granz-Archiv unentdeckt blieben eine große Freude für Ella -und Jazzfans. Ellas unfassbare Virtuosität, ihr gesanglicher Ideenreichtum gepaart mit Dynamic oder samtigen Noten bezeugen ein weiteres Mal ihre Größe.

Es bleiben Bewunderung, Dank und Liebe.