ROGER CICERO „“ IN DIESEM MOMENT-Komplex & pulsierend von A „“Z

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ROGER CICERO „“ IN DIESEM MOMENT / CD 28. Okt. 2011 Komplex & pulsierend von A „“Z : Ein starkes Album.

Ich gebe es zu „“ der „neue“ Sound von Cicero’s Album „In diesem Moment“ hat mich nicht blitzschnell angeflogen….zu sehr war mein „Cicero-Fan-Gehör“ auf den Big Band Sound fixiert, der seine bisherigen drei Soloalben brillant markiert.
Aber aus dem „loslassen können“ von geliebt-vertrauten Hörgewohnheiten ergeben sich oft neue Sicht- und Hörweisen und im Falle von Cicero’s neuer CD war das sehr lohnend. Ja, man muss konstatieren: Cicero hat zwar wie immer Jazzelemente in seine Musik einbezogen – aber der Sound seiner neuen CD wird hart dominiert von Pop-Funk – und Mainstreamklang !
Oh Schreck – ist das was Schlimmes? Für Musikliebhaber „mit Anspruch“ hat „Mainstream“ betont gerne einen negativen Beigeschmack! Natürlich waren es Jazzpuristen, die Louis Armstrong seinerzeit die Welterfolge in den Popcharts mit „What a Wonderful World“ oder „Hello Dolly“ verübelten. Für Armstrong aber gab es nur „gute oder schlechte Musik“ egal um welche Kategorie es sich handelte „“ so konterte Louis in den 60ern.


Nach drei stilistisch zumindest sehr „ähnlichen“ Alben ist Cicero’s Wunsch nach einer musikalischen Veränderung verständlich. Wer so talentiert ist wie Cicero, der kann und sollte sich souverän an unterschiedlichste Musikstile wagen „“ sich in vielen Richtungen ausprobieren. Das hat er gemacht „“ aber bisher hauptsächlich in Livekonzerten, nicht auf seinen Alben.
Tatsächlich ist dem gesamten Ciceroteam (rundum erneuert bis auf seine Band) nun ein sehr komplexes, vom ersten bis zum letzten Song stark pulsierendes Album gelungen. Einigen kritischen Stimmen, die da hauptsächlich doch wieder nur den „alten Cicero“ aufspüren wollen „“ und das meist nach nur einigen Sekunden Hörproben (!) widerspreche ich. Denn dieses vierte Album verfolgt eindeutig konsequenter und fruchtbarer die Pop- und Funkausrichtung als es sein Album „Artgerecht“ (2009) in Ansätzen mit schönen Songs wie u.a. „Spontis zeugen Banker“ zeigte. Da ist jetzt definitiv ein NEUER SOUND in Ciceros Musik!
Als Erstes wäre zu beleuchten, was den gravierend neuen Sound ausmacht „“ nämlich die Arrangements! Die hohe Qualität der ungeheuer vielschichtigen, sorgsam ausgefeilten, absolut kreativen und oft pompösen Arrangements zu erfassen, dazu bedarf es ein mehrmaliges Hören.
Bei dem Song „Was weißt du schon von mir“ kann man nur staunen, wie gelungen opulente Streicher sich mit satten, und später fanfarenartigen Bläsersätzen regelrecht popsymphonisch verquicken. Für das funkige Klangbild sorgt bei den stark rhythmischen Titeln -. und die machen den Großteil der neuen CD aus – ein durchgängig knalliger Drumsound! Matthias „Maze“ Meusel hat gut zu tun „“ und er tut es brillant!
Großorchestral umlagert mit Streichern und Bläsern ist auch der Song „Erste Liebe“! Dazu steigern vordergründiges Schlagzeug und Hervè Jeanne’s satte Basstöne die Dynamik. Intensiv und „laut“ gesungen ist das alles andere als eine sentimentale Erinnerungsschnulze!
Dynamik ist auch der Grundstoff, der die gesamte CD durchzieht „“ egal ob Ballade oder Funknummer. Dafür ist selbstverständlich auch Roger Cicero naturgemäß zuständig. Wenn er singt „“ egal wo und wann – wird er zum Intensivtäter! Seine stimmliche Flexibilität, die Kraft und Nuancierung seines Gesangs ist in allen unterschiedlichen Songs der neuen CD gleichbleibend eindrucksvoll. Der Mann hat einfach nicht nur „eine“ Stimme, sondern viele !
Beim Funktitel „Nicht für mich“ aber auch bei „Was weißt du schon von mir“ schafft seine Stimme anfangs tiefste sauberste Basstöne „“ die wirklich “ gesungen“ sind – und nicht nur „dunkel gemurmelt“! Die nächste Strophe geht dann in die mittlere Lage, und mit dem Refrain erreicht er mühelos kraftvolle Höhen. Dieser Tonumfang ist immer wieder beeindruckend.
Die Dancenummer „Nicht für mich“ hat den härteren Drive und ist funkiger konzipiert als „Der Typ im Spiegel“. So wie auch anfangs bei „Keine Halben Sachen“ benutzt Cicero eingangs sogar musikalische Attribute des RAP „“ aber ohne zu rappen. ( Ich bin überzeugt- er könnte es perfekt! )
Eine glänzende 80er Dancefloor-Disconummer mit typischen Phillysound-Streichern ist „Der Typ im Spiegel“ geworden. Roger singt den Titel mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit.. als ob er nie etwas anderes als „Disco“ gesungen hätte. Absolut mitreißend! ( Das findet Söhnchen Louis auch. Wie in einem jüngsten Cicero-Interview zu hören ist, war er es, der Roger zu diesem Titel animierte + inspirierte. Louis liebt nämlich „Man in the mirror“ von Michael Jackson. .. das am Rande)
Und gerade hier zeigt Cicero bei einer „einfachen“ Disconummer seine gesangliche Vielseitigkeit und Könnerschaft und seine unvergleichliche Dynamik mit der er so einen Song zu steigern vermag. Für mich persönlich könnte der Song gut 3 Minuten länger sein „“ damit man sich so richtig austoben kann!
Der Hintergrundchor, nicht nur bei „Der Typ im Spiegel“, ist auf vielen Songs dieser CD zu hören, und wurde komplett von Roger eingesungen, wobei er häufig seine Kopfstimme einsetzt. Er arbeitet auch häufig beim Refrain eines Songs mit Stimmverdoppelung oder Stimmüberlagerungen. Das gab es auf den vorherigen Alben kaum „“ passt hier aber gut zum Pop -und Mainstreamcharakter „“ und erspart den Mädchenchor ( grins)
Etwas ausgefallen wirkt der Song „Einfach mal“ weil zunächst Ulrich Rode mit dominierender Gitarre leichten Countrysound verbreitet. Später gesellen sich viel Instrumente hinzu „“ aber der Song bleibt von einer flirrenden Leichtigkeit, und hat nicht den verschwenderisch dichten Klang der anderen Songs. Im Mittelteil begeistern mich mal wieder Roger’s Vokalismen, die gekonnt und lässig daher kommen, wie nur er es kann.
Neben viel Funk + Pop gibt es aber doch so zwei, drei Songs die man sich auch auf den vorherigen Cicero-CDs vorstellen könnte. Da wäre zuerst der Song „Zu Zweit“ in dem er paradoxerweise seine Erinnerung an seine Einsamkeit besingt: „Hallo Einsamkeit“ – so beginnt der Refrain des Songs. Schön swingend begeitet von Jazzpianist & Bandleader Jools Holland und Cicero selbst , singt er den Song mit vergleichbarem Charme wie damals „Bin heute Abend bei dir“ von der „Beziehungsweise“
Auch „Adieu & Kiss“, würde auf eine frühere Cicero-CD passen „“ nicht zuletzt weil hier noch einmal Lutz Krajenski am Keyboard sitzt „“ der ja leider die Cicero-Band verlassen hat. Der Song wurde auch von Krajenski geschrieben. Das Arrangement ist anspruchsvoll und sehr ungewöhnlich! Wenn ich den Song musikalisch einordnen sollte, würde ich das Stück als ein sehr gelungenes „Jazz-Chanson“ bezeichnen, denn beide Stilmerkmale von Jazz und Chanson sind darin enthalten.

Mir kommt bei dem Stück sogar Hildegard Knef in den Sinn „“ musikalisch wie textlich gibt es da für mich eine gewisse Nähe. Der Song würde gut auf eine alte Knef-Platte passen „“ aber besonders auch auf die CD, welche die Knef in ihren späten Jahren mit Till Brönner machte.
Um den Song zu beschreiben, welcher der CD den Titel gab, verarbeite ich hier etwas die Zeilen aus meiner bereits erfolgten Besprechung zur Single-Auskoppelung „“ damit diese Album-Rezension komplett ist.
Ich fand die Melodie von „In diesem Moment“ zunächst eher schlicht – weil sehr eingängig – fast schon „ohrwurmmäßig“ angelegt und deshalb war eine gewisse Unterschätzung schnell gegeben. Aber auch kleine Melodien haben großen Reiz, wenn sie interessant arrangiert sind – wie hier geschehen. Inzwischen mag ich den Titel immer mehr mit jedem weiteren Hören. Der Refrain hat eine sogartige Wirkung. Im instrumentalen Mittelteil hört man „leise“ und im tragenden Stil melancholisch klingende Bläser „“ diese Passage ist von großer musikalischer Schönheit.
Cicero’s Stimme klingt trotz großer Intensität etwas anders und weicher als gewohnt – was aber vollkommen stimmig mit dem gedankenvollen, sozusagen „in sich gekehrten“ Text einhergeht. Ein Text, der die vielen Realitäten unseres Lebens wahrnimmt oder beschreibt… die unendlich vielen unterschiedlichen Situationen, die Menschen einander erfahren. Alles passiert gleichzeitig…aber Jedem passiert es zu „seiner“ Zeit. Das ist nachdenklich, bewusst und ernst – aber nie sentimental.
Damit bin ich bei den „Texten“. Ich finde sie mehrheitlich gut und bestimmt gleichrangig mit den Ramond-Texten. Es fehlt etwas der mitunter ironische Wortwitz, statt dessen gibt es ernstere, reflektive Betrachtungen von Lebenszuständen oder Erinnerungen an Gewesenes. Natürlich ist da auch Humor bei Texten wie „Alles kommt zurück“ oder „Nicht für mich“ .
Wenn es um „Liebe“ geht, ist dieses Album in den Texten ernsthafter, melancholischer als seine Vorgänger. Im Song „Was weißt du schon von mir“ heißt es: Mein Kopf ist eine Insel, von dem kein Traum entfliehen kann – deine leiseste Berührung kommt als Tsunami dort an….
Und im absoluten Highlight der CD „Dunkelheit zu Licht“ singt Roger: Und dass du alles in den Schatten stellst, wenn du in meine Arme fällst, dann leuchtet dieser Raum ganz wie von selbst „“ und dass mein Leben etwas heller ist, jedes Mal wenn du den Raum betrittst, wird Dunkelheit zu Licht .
Muss ich das nun kitschig finden? Nein – mir gefällt das, ich finde das schön Man muss diese Texte nicht angehen, wie einige Kritiker und auch „strenge Hörer“ – die sich offensichtlich wie Literaturprofessoren aufspielen und in ihrem „ach-so hohem-Anspruch“ Rezensionen schreiben, die mehr eitle Selbstdarstellung sind als eine CD-Besprechung. Baden im Licht ihres hohen Anspruchs – dass ist wichtiger als sich direkt mit der Musik und den Texten zu befassen. Und niemand legt bei englischenTexten die Messlatte derart hoch. In einer Popballade brauche ich keine kafkaeske Unverständlichkeit.
Mit „Dunkelheit zu Licht“ ist Cicero ein weiteres Meisterwerk wie „Ich hätt‘ so gern noch Tschüß gesagt“ gelungen. Ein große Ballade, in der Cicero sich mit allen Facetten aussingt. Hier können wir wieder sein massives Gesangstalent bewundern. Von leise bis dramatisch. Romantisch, wehmütig aber niemals lasch oder banal. Ich bin sehr gespannt auf die kommende Livepräsentation „“ dieser Song wird mit Sicherheit ein Konzerthighlight.
Die CD ist für mich durchweg gelungen …. sie ist funkensprühend, modern, voller Power und Leben „“ und dabei immer differenziert. Ich weiß es nicht „“ aber vielleicht ist „In diesem Moment“ der erste künstlerisch wirklich gleichrangige UND gänzlich neue Gegenpol zu seinem großen Erstlingserfolg „Männersachen“.