SEBASTIAN GAHLER – TOBIAS CHRISTL – AMERICAN SONGBOOK

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Jazz Im Steinway-Haus (22.Mai 2019 Düsseldorf) Sebastian Gahler, Flügel - Tobias Christl, Gesang - Nico Brandenburg, Kontrabass - Fabian Arends, Schlagzeug

Köln – Erst einen Tag vor dem Konzert bekam ich von einem Freund die Info. Sebastian Gahler, den bekannten, wunderbaren Jazzpianisten aus Düsseldorf hatte ich schon mehrmals im Konzert erlebt. Tobias Christl, der Vokalist, war mir nicht bekannt.

YouTube zeigte mir wieder einmal, wie unschätzbar toll und wichtig dieses Portal ist. Ich fand unter anderem eine beeindruckendes Video von Tobias Christl mit einer 16minütigen Version des Simon/Garfunkel-Songs „Sound Of Silence“. Ein paar andere Videos motivierten mich dann stark, dieses Konzert in Düsseldorf im Steinway-Haus zu besuchen, wo ich schon mehrmals war und neben Gahler auch Peter Fessler und Jeff Cascaro erlebt hatte. Das Konzert war ein JAZZ-Genuss auf allen Ebenen.

Jazz Im Steinway-Haus (22.Mai 2019 Düsseldorf) Sebastian Gahler, Flügel – Tobias Christl, Gesang – Nico Brandenburg, Kontrabass – Fabian Arends, Schlagzeug

Ich erlebte Tobias Christl als einen ungeheuer inspirativen, ideenreichen Jazzvokalisten. Das „American Songbook“ enthält ein Unzahl von großartigen Kompositionen die aber immer wieder gerne in „gefälliger“ Weise interpretiert werden. (Sehr schwache Aufnahmen mit stereotypischen Arrangements hat meines Erachtens zum Beispiel Rod Stewart geliefert, und zwar gleich auf fünf Alben.)

Tobias Christl intonierte mit seinen subtilen Phrasierungen und viel Improvisation das Gegenteil des Gefällig-Glatten. Allerdings gehörten auch die ausgewählten Songs meistens zu den besonders anspruchsvollen Kompositionen.

Mit komplizierten Ellington-Kompositionen wie „Prelude To A Kiss“ oder „Day Dream“ war der absolute Jazzgehalt sowieso vorgegeben – zumal auch in langen instrumentalen Passagen die Musiker Gelegenheit hatten in ihrer Virtuosität gemeinsam, oder auch im Solo zu glänzen. Der junge Schlagzeuger Fabian Arends beeindruckte dabei mit äußerst dynamischem Spiel und kontrastierend gelassener Körpersprache.

Tobias Christl gewinnt in seiner Interpretation der Songs durchweg mit großer Sensibilität und Inspiration. So variiert er praktisch jede Zeile eines Songs mit ungwöhnlichen, filigran verästelten Phrasierungen und gibt dem intimen oder lyrischen Charakter eines Songs seinen ganz persönlichen Ausdruck. Eine große Bandbreite seiner Songgestaltung wurde deutlich bei der melancholischen Ballade aus dem Jahre 1936 „You Go To My Head“, welche sich über die Jahre zu eine Standard entwickelte und bis heute immer wieder von allen Jazzgrößen gesungen oder gespielt wird.

Hier zeigte Tobias Christl eine ganz eigene, emotionale wie intelligente Musikalität im Rhythmuswechsel der Noten und der Akzentuierung der Lyriks.
Er überzeugte aber auch mit schnellem Scatgesang von großem Variationsreichtum – bleibt aber trotzdem kein extrovertierter Jazz-Vokalist, sondern ein Künstler der eine Komposition
lieber mit tiefgründiger Zartheit und musikalischem Wissen interpretiert, denn mit forcierter Lautstärke.

Im Flyer zum Konzert steht, dass ihre gemeinsame Liebe für das Duo Bill Evens/Tony Bennett Gahler und Christl während ihrer Studienzeit an
der Kölner Hochschule für Musik zusammen brachte. Über einen längeren Zeitraum hinweg spielten sie gemeinsam im Duo und hatten jetzt nach über
sechs Jahren Pause dieses Konzert im Steinway-Haus.

Bleibt zu hoffen dass es nicht mehr zu einer so langen Pause kommt – und ein gemeinsames Album wäre natürlich fantastisch!