China Moses „Free & easy“ und stimmgewaltig!

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China Moses im Alten Pfandhaus, Köln13. Juli 2012.Den Vocal-Jazz-Fans ist sie längst ein Begriff – spätestens seit ihrem formidablen Hommage-Album an Dinah Washington „This One’s For Dinah“ (2009). Hauptsächlich war das Programm dieses Abends ihrem Idol, der Blueslegende Dinah Washington gewidmet „“ aber nicht nur: China Moses interpretierte auch große Songs von Esther Phillips – ( bzw. „Little Esther), Bessie Smith, Aretha Franklin, Helen Humes, Mamie Smith und Billie Holiday. Stilistisch blieb sie neben einiger Soul-Rhythm & Blues-Exkursionen – dargeboten besonders im zweiten Teil des Konzertes – konsequent beim reinen Bluesgesang, für den ihre Stimme unvergleichlich prädestiniert ist.

Dass sie die Tochter der großen Jazzdiva Dee Dee Bridgwater ist, kann sie nicht verleugnen. Klangfarbe und Phrasierung von Stimme und Gesang und auch die Dynamik im Vortrag erinnern schnell an ihre berühmte Mutter – aber dennoch ist Chinas Gesang viel erdiger, ursprünglicher und längst nicht so sophisticated wie der von Dee Dee Bridgwater, die ihre Songs, besonders Balladen, viel differenzierter, auch kunstvoller „modelliert“.

China Moses hat eine große Stimme, die allerdings im ersten Teil des Konzerts noch nicht wirklich zum Ausdruck, oder zur völligen Entfaltung kommt. Sie ist gut „“ aber der Zuhörer fühlt, da geht noch viel mehr. Sie hält einiges zurück. Auch konkurriert ihre sehr lebendige, völlig ungezungene, teils fröhliche, teils erotische Körpersprache während dieser ersten Songs sehr intensiv, fast etwas übertünchend mit ihren Interpretationen.
Stets nimmt die blendend gelaunte Sängerin übrigens einen Schluck Rotwein zu sich, singt mit dem Glas in der Hand weiter, oder stellt das Glas wieder zurück auf den Boden.

Zu jedem neuen Song macht China Moses sehr unterhaltend, humorvoll und ausführlich eine Moderation von Fakten und Anekdoten „“ die nicht selten ebenso lang ist, wíe der dann folgende Song selbst. So erzählt sie zum Beispiel, dass sie bereits als Kind die Songs von Dinah Washington nur „heimlich“ hören konnte, weil Ihre Großmutter deren Texte für Kinder ungeeignet fand. China hält das Erzählen während des gesamten Konzerts durch , und ergo ist es dann ( inklusive einiger Zugaben) bereits 23 Uhr, als sie sich mit ihren Musikern endgültig verabschiedet. Chinas Geschichten ergeben zusammen mit den Songs das überzeugende Konzept einer „One-Woman-Show“ – also gutes Entertainment.

Trotzdem war das Konzert musikalisch weitaus gehaltvoller als das, was gemeinhin unter „großer Show“ verstanden wird. Der zweite Teil nach der Pause lies keine Zweifel aufkommen, dass China Moses‘ guter, vorauseilender Ruf berechtigt ist. Zunächst trifft sie adäquat und „haarscharf“ den dunklen, rauhen und lasziven Blueston. Mit ihren stimmlichen Fähigkeiten kann sie Bluesstücke klanglich enorm variieren, ihnen ihren persönlichen Ausdruck verleihen, und Töne lautstark ausbrechen lassen.

Sie geht jeden Song mit verblüffender Direktheit an. Vielleicht wirkt sie deshalb so authentisch, weil sie voller Inbrunst einfach so „drauflos“ singt „“ sie weiß, dass sie sich auf ihre Stimme verlassen kann. Gesangliche Kalkulation ist nirgendwo spürbar „“ China Moses ist immer spontan. Und sie weiß auch genau was sie macht und wie es wirkt, wenn sie ihre ausdrucksstarke Mimik spielen läßt, so dass man sich als Zuschauer zurückversetzt fühlt in eine rauchige 50er Jahre Jazzspelunke in Chicago, Harlem oder New Orleans. Zudem vermittelt China Moses den Eindruck, dass sie das Singen und diese Musik über alles liebt.

Die stärkeren Titel hatte sie sich für den zweiten Teil aufgehoben, und jetzt sprang der Funke deutlich über ins Publikum. „Crazy Blues“, von Mamie Smith 1920 auf einer 78er Schellackplatte zuerst erschienen, interpretierte China hinreißend temperamentvoll, durchsetzt mit moderneren Akzenten.

Mit jedem weiteren Song wurde vehementer applaudiert und China Moses steigerte sich weiter nach oben – bis sie mit einer überbordenden, langen Version des „Work Song“, – geschrieben von Trompeter und Komponist Nat Adderly und Jazzsänger/Texter Oscar Brown Jr. – ihren expressivsten und künstlerischsten Gipfel des Konzerts erreicht hatte.

Ihre eigenen Aussprüche (und Ansprüche): „Ich bin von Soul geprägt – ich liebe Rhythm & Blues / Ich bin angetreten, um den Rock’n Roll-Aspekt wieder in den Jazz zurück zu bringen „….

hat sie hier im Konzert im Alten Pfandhaus mit dem „Work Song“, dem Jazzstandard „Love me or leave me“, sowie den mitreißenden Zugaben vollendet Genüge geleistet. Das war hochexplosiv, fegte soulig und stimmgewaltig den klassischen Bluesgesang zur Seite, war von nicht mehr zu steigernder, musikalischer Intensität.

Ganz allein für sich kann China Moses diese faszinierende Vorstellung aber nicht verbuchen. Ihr Trio – Jean-Pierre Dérouard, drums, Fabien Marcoz, bass und Raphaël Lemonnier, piano – mit denen sie seit sechs Jahren musiziert, begleitete kongenial und brillierte auch immer wieder mit Soli. Besonders beeindruckend war das versierte, dynamische Spiel von Pianist Raphaël Lemonnier, der als etablierter Jazzpianist in Frankreich auch immer wieder für den Kultursender ARTE komponiert.

Als er China Moses zum ersten Mal hörte, war er sofort überzeugt von ihrem großen Talent und engagierte sie für seine „Show Dancing“ die er 2004 für das Theater von Nimes produzierte.
Da China und Raphaël Lemonnier beide die große, jung verstorbene Blues- und Jazzsängerin Dinah Washington (1924 „“ 1963) verehrten, enstand schnell die Idee zu dem Tributalbum „This One’s For Dinah“. Der Erfolg und die gute Kritiken dieses ambitionierten Albums bedeuteten für die 34jährige, sympathische Künstlerin China Moses den zündenden Karrieresprung.

 

Fotoserie von Werner Matrisch

 


Weitere Konzerttermine hier:
http://www.myspace.com/chinamoses