Volkan Baydar Ein intimes Soulfest vom Feinsten !

4340

Köln-In einer früheren Konzertrezension zu Volkan Baydar schrieb ich mal, – wie immer gerne etwas euphorisch – dass ich Volkan für das größte Soultalent in Deutschland hielte. Wie schön, dass ich diese Einschätzung nach seinem Konzert im Kölner Pfandhaus voller Überzeugung immer noch unterstreichen kann – sogar muß ! Zahlreich waren die Besucher leider nicht erschienen – jedoch bot sich gerade deshalb für Volkan Baydar die Gelegenheit, zusammen mit seinem Gitarristen Pivo Deinert, ein faszinierend intimes, ebenso außergwöhnliches wie emotionales, und nicht zuletzt auch humorvolles  Konzert für die ca. 50 Gäste zu gestalten.

Über seine absolute Professionalität als Musiker und Sänger muss man eigentlich nichts mehr schreiben – trotzdem möchte ich doch dazu noch etwas erwähnen. Ich hatte das Privileg, dem Soundcheck beizuwohnen. Nie zuvor hatte ich Volkan ca. eine Stunde beim Klavierspiel zugehört. Vollkommen konzentriert, gelassen aber versiert spielte er seine Kompositionen.

Es klang so schön, dass ich mir sogar einen reinen Solo-Klavierabend mit ihm vorstellen könnte.  Später bei der Mikrofonprobe gab er – aus dem Stand heraus  – zum Teil textfreie Kostproben seiner Soul-Phrasierungen, die in ihrer Unverfälschtheit  und unglaublichen Dynamik einen wahren Meister des Soul-und Bluesgesangs kennzeichneten!

Die Besonderheit dieses Konzerts beginnt schon damit, dass das Repertoire zwar ausgesucht- aber keinesfalls in der Reihenfolge feststand. Sich abwechselnd, reichten Volkan oder Pivo Deinert nach jedem Song dem Publikum einen großen silbernen Kübel in dem Zettelchen mit den Songtiteln auszusuchen waren. So gab es keine ausgeklügelte Dramaturgie, auf deren Ablauf sich die Künstler einstellen konnten. Spontaneität war also gefragt und die zwei Künstler habe das souverän  gemeistert. Trocken witzig war Volkan oft in seiner Moderation zu den Songs – kam dabei aber niemals in die Nähe von Comedians, weil sich sein Humor hintergründig zeigte und immer auch sehr persönliche Lebenserfahrung offenbarte.

Dabei ist er sympathisch, weil seine Geschichten zur jeweiligen  Songentstehung so  total ehrlich oder komisch klingen. Wie entstehen Songs?  Setzen sich Komponisten um 9 Uhr an den Schreibtisch, und komponieren bis 17 Uhr? Nein, so geht das bei Volkan Baydar nicht. Ihm fallen Songs beim Rasieren, unter der Dusche,  oder nächtens auf einsamen Straßen in einem Pariser Industrieviertel ein….Und wie rettet man  musikalische Ideen, die so ungeplant, also unvorhergesehen – manchmal nur ganz vage – aber doch plötzlich da sind?  Man springt  z. B irgendwann nach Mitternacht aus dem Bett,  rennt in das weitest entfernte Zimmer der Wohnung, um die schlafende Freundin nicht zu stören – und singt dann die gerade eingefallene Melodie schnell ins Handy…..

In diesem Pariser Industrieviertel wurde z. B. der wunderbare Song „Lenny“ geboren, den Volkan dem kleinen Sohn einer Freundin widmete. Er hatte Volkan zu diesem Song inspiriert. Im Konzert wurde der Song als gefühlvolle  Ballade vorgetragen. (Auf der gerade erschienenen EP „Soul Initiation“ bekam der Song  „Lenny“ ein leicht swingendes, guitar-bass-drumbetontes  Arrangement, was den Song soundmäßig natürlich verändert aber trotzdem sehr stimmig und schön  ist).. Volkan spricht vor dem Song über seine besondere Beziehung zu Kindern – dass er Kinder bewundert, oft beneidet wegen ihrer Unbekümmertheit und Direktheit.

Da taucht die Sehsucht zur eigen Kindheit auf und er ertappt sich, dass man – oder er – sich als „Erwachsener“ nur allzu oft inszeniert.
Kurz darauf zog ich aus dem Kübel den Song „Can’t resist the feeling“, welcher in seinem überbordendem Rhythmus ein totaler Kontrast war. Volkan ist in Sekundenschnelle „mitten drin in dem Song“, – er geht so auf in dem Song – dass es ihn nicht mehr auf dem Klavierhocker hält.

Plötzlich steht er auf dem Hocker und begeistert das Publikum mit diesem ausschweifendem Soulgesang: vokale Höhenflüge mit guturalen Schreien! Sozusagen „am laufenden Band“ liefert Volkan diese kaum endenden, durchdringenden, sich immer wieder klanglich variierenden  Noten. Bereits „eine einzige“  von diesen langezogenen Powernoten, könnte bei anderen Sängern der „Höhepunkt“ ihrer  Performance sein…

Aber das allein macht seine Gesangskunst nicht aus. Kopfstimme – zum Beispiel – ist für Volkan Baydar kein Thema oder eine Besonderheit, die er stolz vorführt. Wo es passt, bedient er sich ihrer, scheint sie fast automatisch abzurufen…er kann sich drauf verlassen – sie ist da-allgegenwärtig innerhalb seines erstaunlichen Stimmspektrums. Dann wieder ist es absolut begeisternd, wie er bei seinem oft schon exzessivem Singen selbst die heikelsten, dramatischsten Noten unter Kontrolle hat… einfach so. Bei diesen stimmlichen Hochleistungen „verrutscht “ ihm kein Ton ! Selbstverständlich gelingen Volkan auch leise, zarte Gesangspassagen. Sein Singen ist immer emotional und nuanciert. „Everything must change“,  der  Jazzklassiker mit großem Tonumfang und einziger Cover des Abends, zeigte besonders schön wie  hochemotional sein Gesangsstil sein kann.

Gespielt haben die zwei Künstler über zweieinhalb Stunden- in denen  es nur ein kleine Pause gab, die aber nicht geplant war.  Gitarrist Pivo Deinert vermisste ein kleines Teil, mit dem man bei der E-Gitarre einen Hillbilly-Sound erzeugen kann. So lief er zum Backstagebereich, wo er das Teil vermutete. Es wurde gesagt,man könne jetzt gut Getränke kaufen. Man tat das, während Volkan am Piano in 2-3 Takten ultraknapp Klassiker der Klaviermusik – „Für Elise“, oder Richard Clayderman’s Schnulze „Ballade Pour Adeline“  intonierte.

Mit Pivo Deinert arbeitet Volkan seit ca. vier Jahren. Es war gleich zu Beginn des Konzerts zu spüren, dass Volkan und Pivo in wunderbarer Weise –  freundschaftlich und auch  musikalisch –  aufeinander eingespielt sind. Neben Blues, Balladen und Soulstücken gab es auch Titel, in denen Pivo seiner Gitarre Countryklänge beimischte. Ansonsten war er für Volkan ein adäquater Begleiter, bestach mit virtuosen Riffs und stand ihm an  Dynamik in nichts nach.

Volkans Song „Love Love Love“ war ursprünglich als türkischer Beitrag zum European Songcontest  geplant. Beim Konzert im Alten Pfandhaus standen die Worte auf seinem weißen T-Shirt. Volkan’s Grundgedanke für diesen Song ist,  dass fast alles, was Menschen im Leben machen, durch „Love“ motiviert wurde….Und er spricht die Gleichheit der Menschen an,  wenn es heißt: “ I am turkish,  I am german, I am greek“,  usw.  Unzählige Nationalitäten werden aufgerufen. Dazu braucht er den ausgedruckten Text, der ihm  aus dem Backstage nachgereicht wird. Auch hier ist er ehrlich und sagt, er möchte keinen Fehler machen, weil er mit dem Text nicht firm ist. Ein sehr eindrucksvoller , dynamischer Song!
Bleibt zu sagen, dass ein Konzert erlebt wurde, welches an Authentizität schwerlich zu übertreffen ist. Sicher klingt es ein wenig allgemein und abgenutzt – aber es ist so: Volkan lebt jeden Song, jede Note, jede Silbe die er singt. Er schöpft sein künstlerisches Potenzial bei jeder Vorstellung bis zur Neige aus – vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein. Es geschieht einfach, und zwar unaufgesetzt. Volkans Stimme, Technik, die tonalen Phrasierungs- und Verwandlungskünste im Soul- und Bluesbereich, die Energie seiner Performance  – das ist in unseren deutschen Landen bisher unerreicht. Besonders seine tieferen Gesangspartien erinnern ausdrucksmäßig und klanglich sehr an Ray Charles. Wenn man Volkan’s Livekonzerte mit seinen CD-Einspielungen als Leadsänger der Popformation „Orange Blue“ vergleicht,  erkennt man sofort, dass „live“ gehört seine Soul- und Bluesstimme jeglichen Pop- und Mainstreamklang an Intensität überstrahlt.
Obwohl die Instrumentierung des Konzerts sparsam besetzt war ( Gitarre und Piano,) wurde klanglich nichts vermisst. Im Gegenteil – es war ja ein „Unplugged-Konzert“, ( nur die Seiten der akustischen Gitarre wurden mit sogenannten „Tonabnehmern“ vorverstärkt und dann in den Hauptverstärker (=Amp) geleitet), die dem Abend diese hautnahe, sehr intensive Atmosphäre gab, in der keine Nuance verloren ging. Das Publikum dankte am Ende stürmisch mit stehenden Ovationen.
Ich möchte nicht verschweigen, dass Volkan an diesem Abend von einer Erkältung immer noch leicht angeschlagen war. Nach beinahe jedem Song, den er perfekt hinbekommen hatte,  musste er ein wenig husten und trank dann Mineralwasser. So hat es auch jeder Konzertbesucher ohne Unmut, sogar achtungsvoll akzeptiert, dass Volkan nach zwei oder drei Zugaben am Ende des Auftritts mit frappierender Natürlichkeit erklärte: „Leute, wir spielen jetzt nichts mehr…ich bin ziemlich fertig“.
Häufig schaute ich während dieses Konzerts auf die Gesichter der Besucher um auszumachen, wie Volkan „ankam“.. und ich sah viel Zufriedenheit, Lächeln und auch schiere Begeisterung.
Volkan Baydar und Pivo Deinert entfachten ein  intimes, schillerndes  Soulfest vom Feinsten.(Werner Matrisch)
Konzert Altes Pfandhaus vom 3.12.2011